Hinweis: Dieser Artikel ist bereits am 08.06.08 auf kaimueller.org erschienen.
Vor ca. einem Jahr kam das Paket mit meiner ersten Kamera an. Ein Jahr lang habe ich mich nun mit der Fotografie beschäftigt. Hier ein paar Punkte, die ich für mich daraus gezogen habe.
Fotografie Bücher sind überbewertet
Gute 80 Prozent der Bücher über Fotografie die ich gelesen habe, waren mehr oder weniger Zeitverschwendung. Der Grund: diese Bücher versuchen aus dir einen technisch perfekten Fotografen zu machen. Sie gehen davon aus, dass du immer gutes Licht hast, dass du wahrscheinlich Hochzeitsfotograf werden möchtest, oder nach einer Möglichkeit suchst, endlich mal Tulpen ins rechte Licht zu rücken.
Wenn du noch mehr gute Aufnahmen machen möchtest, dann stell dich vor mehr interessante Sachen
Wie kommt es wohl, dass man aus dem Urlaub nicht selten mit Tausenden Aufnahmen zurück kommt, von denen selbst nach kritischer Prüfung noch jede Menge guter Fotos übrig bleiben? Ganz einfach: Es gibt viel interessantes zu sehen, und deshalb auch viel interessantes zu fotografieren.
Equipment kaufen macht dich nicht zu einem besseren Fotografen
Und das schreibe ich, obwohl ich auch eine Menge Geld in zusätzliches Equipment investiert habe, aber:
Es ist zu einfach, sich damit rauszureden, dass, hätte man jetzt dieses oder jenes Objektiv, dann…
Es gbt immer einen Weg, mit dem vorhandenen Equipment ein brauchbares Foto zu machen. Man muss sich dafür vielleicht etwas mehr Zeit nehmen, etwas laufen, oder sich auch mal auf den schmutzigen Boden legen. Aber es geht!
Warum habe ich mir trotzdem neue Objektive gekauft? Weil ich es konnte
Nein, im Ernst: Die bisher beste Investition war der Kauf des 50mm Festbrennweiten Objektives für 119 €. Dieses Objektiv ermöglicht es mir, bei Konzerten unter widrigen Lichtverhältnissen Fotos zu machen, da es eine Blende von 1.8 hat. Die Qualität meiner Konzertfotos hat sich dadurch extrem verbessert, aber Konzertfotos konnte ich auch vorher machen. Und so Verhält es sich auch mit den anderen Käufen.
Technik ist Beiwerk
Sehen. Man muss ein gutes Foto sehen. Das geht ohne Kamera! Und es ist bei weitem das am schwierigsten zu erlernende Element der Fotografie. Erst wenn ich ein Motiv im Kopf habe, fange ich damit an, mir Gedanken über Blende, Verschlusszeit etc zu machen.
Fotografiere, Fotografiere, Fotografiere
OK, den Tipp liesst man überall, und es stimmt. Nur durch Training lernt man das Sehen, und nur durch Training nimmt sich die technische Umsetzung weniger, und die Bildgestaltung wird zum Hauptelement. Im Prinzip wie beim Autofahren, oder denkt ihr noch darüber nach, ob ihr jetzt besser in den dritten, oder in den 4. Gang schaltet?
Bestes Lehrmaterial: die eigenen Fotos
Am meisten lernt man aus seinen eigenen Fotos. Keine Ahnung, wie oft ich mir am Rechner eines meiner Fotos angesehen habe, und genau wußte, was ich falsch gemacht habe: dass ich einen Schritt nach rechts hätte gehen müssen, ein Stück näher ran, oder… ihr versteht.
Beschneidung am Rechner: Nachträglich aus dem Foto einen Bereich herauszuschneiden, kann (positive) Wunder bewirken. Doch sollte man immer versuchen, bereits beim Fotografieren den Sucher mit dem Motiv zu füllen, das man später haben möchte.
Fotobände und Magazine sind inspirierend
Im Gegensatz zu Lehrbüchern sieht man in Fotobänden und in Magazinen Arbeiten, die nicht Mittel zum Zweck sind, sondern die durch die Hände eines Editors gingen. Dadurch ist die Qualität der Arbeiten hoch, und man kann sich diese Arbeiten als Vorbild oder Ideengeber für eigene Aufnahmen merken. Durch Imititation lernt der Mensch doch mit am besten, oder?
Gute Fotografen verraten ihre wirklichen Tricks nicht
Klar, auch berühmte Fotografen erzählen uns einige ihrer Tricks, aber das, was ihre Arbeiten einzigartig macht, das können sie wahrscheinlich selbst nicht erklären. Und selbst wenn, würden sie es dir ganz bestimmt nicht erzählen. Und deshalb kann man sie zwar imitieren, aber nicht kopieren.
Beschäftige dich mit Post Processing
Immer wieder hört man von Puristen, die den Einsatz von Software wie Adobe Photoshop oder anderen Bildbearbeitungstools schlecht reden. Doch bei einer Digitalkamera hat man nicht die Möglichkeit, einen bestimmten Film zu wählen, und man hat auch nicht die Möglichkeit CrossProcessing im Belichtungsstudio zu machen. Das gehört für diese Leute aber zum Erlaubten…
Heute ersetzt man diese Techniken und materiellen Vorgaben durch die Nachbearbeitung am Computer. Und glaubt mir, ihr habt noch nie ein unebarbeitetes Foto in einem Magazin gesehen.
Die Kamera in der Tasche
Wenn du die Kamera unterwegs in der Tasche hast, kannst du dir zu 100% sicher sein, jedes gute Motiv zu verpassen. Also, wenn du zum Fotografieren unterwegs bist: Kamera in die Hand nehmen, und Objektivdeckel ab. Immer! Übrigens verfügen die meisten aktuellen Kameras über einen eigenen Schlafmodus. Das heißt, du kannst sie angeschaltet lassen, und wenn ein Motiv auftaucht, sofort reagieren.
Das waren jetzt 10 Punkte, die sich natürlich noch erweitern liessen. Habt ihr eine Ergänzung dazu? Würdet ihr mir in meinen Ansichten widersprechen?
Tags: Bildbearbeitung, flickr, Fotograf, Fotografie, Magazine, Objektive, Photoshop, Tools


18 Kommentare
Am 6. Januar 2009 um 22:21 Uhr
Schön geschrieben!
Ich habe meine erste Kamera erst seit 2 Monaten und mache gerade die gleichen Erfahrungen - Fotobücher und so…
Mach bitte weiter so mit PhotoSpion
Am 6. Januar 2009 um 22:42 Uhr
da bin ich gespannt, was sonst noch kommt. Jetzt träume ich noch mehr von einer DSLR, die ich mir erst Mitte des Jahres leisten kann.
Aber immerhin habe ich mir vorgenommen meine analoge Spiegelreflexkamera in den nächsten Kurzurlaub nach Paris mitzunehmen. Leider macht das analoge Fotografieren nicht ganz so viel Spaß, da Experimentieren sehr teuer ist
Aber ich spare weiter.
By the way. Gute Aussagen. Obwohl man sich schon dessen bewusst sein sollte, was die Einstellungen einer Kamera bewirken, um eben aus dem Motiv das Beste herauszuholen.
Am 6. Januar 2009 um 23:58 Uhr
Das man aus den eigenen Fotos am besten lernt kann ich gut nachvollziehen. Ich habe jetzt seit Nov 2008 endlich eine DSLR und lerne seit dem auch die Fototgrafie zu lieben. Die Kontrolle die man über das Bild hat ist berauschend. Mit meiner alten Point-and-Shoot bin ich fast verzweifelt. Die machte einfach immer was sie für richtig hielt.
Im Dez. habe ich mir auch ein 50mm FFL geholt. Und die Lichtstärke ist mal was ganz anderes. Und auch lernt man mit dem Objektiv das Motiv richtig im Sucher zu erarbeiten. Weil man nicht einfach hin und her zoomt bis es irgendwie passt sondern auch mal laufen muss, macht man sich dabei mehr Gedanken über das Bild und läßt sich auch meiner Meinung nach etwas mehr Zeit. Das kommt vielen Bildern zugute.
Am 7. Januar 2009 um 12:58 Uhr
Sehr schöne Infos, ich habe sie mir mit einem Lächeln im Gesicht durchgelesen, weil ich in den letzten 8 Monaten ähnliche Erfahrungen machen konnte.
Die Frage der Technik sollte man sich aber anders stellen, meiner Meinung nach. Für ausgefallene Motive aus Alltagssituationen braucht man sicherlich nicht viel Technik… aber wenn man Porträts und Inszenierungen gut verarbeiten will, kommt man ohne DIY oder prof. Equipment nicht weit. Es sei denn man kann sich so glücklich schätzen eine Räumlichkeit gefunden zu haben, wo die Ausleuchtung schon allein durch das Sonnenlicht bzw. Available Light interessant wirkt… Aber erstmal freue ich mich auf das neue Blog als Ableger von stylespion! Bin gespannt was noch kommt!
Am 7. Januar 2009 um 22:33 Uhr
Sehr schicke Tipps. Leider bin ich oft zu Faul zum Fotografieren. Ich hab auch ne menge für Equipment ausgegeben aber das macht wirklich keine besserern Fotos aber es macht manches einfacher. Ich finde auch wichtig einen gewissen eigenen Stil zu entwickeln. Es kommen oft leute die sagen: “das ist so nicht richtig” aber warum will mir jemand sagen das ein Motiv so nicht richtig fotografiert ist…
Am 8. Januar 2009 um 11:41 Uhr
Hallo Kai,
Deine Tipps sind echt Klasse! Ich fotografiere schon ein paar Jährchen und kann das alles voll und ganz bestätigen. Das liest sich ja wie eine Bibel
Ich mache zb. 90% meiner Fotos mit einer Ausrüstung für 100 Euro. Und die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat (in der Hand natürlich *g*)
Super Start mit dem Photospion!
Gut Licht wünscht
Thom
Am 8. Januar 2009 um 13:39 Uhr
Gerade der Punkt mit dem “Sehen”, also dass man ein Bild/ Foto bereits im Kopf sieht bzw. direkt vor Augen hat, bevor man sich überhaupt Gedanken über die technische Umsetzung macht, dass ist wohl die größte Herausforderung in der Fotografie überhaupt.
Am 9. Januar 2009 um 16:40 Uhr
Hallo Kai,
echt super Tipps die du uns da mit auf dem Weg gibst. Doch mich würde sehr interessieren, wie genau du angefangen hast und wie du das mit den Einstellungen gemeistert hat, damit man immer sofort sieht welche Einstellungen man braucht. Wäre für weiterer solcher Tipps sehr dankbar!
Gruß,
Patrick
Am 9. Januar 2009 um 16:42 Uhr
Hallo Patrick, ich verstehe nicht ganz, was du meinst. …wie du das mit den Einstellungen gemeistert hat, damit man immer sofort sieht welche Einstellungen man braucht.
Kannst du nochmal nachlegen?
Am 23. Januar 2009 um 11:49 Uhr
Hey Kai,
Gratulation, was Du in 365 Tagen gelernt hast ist beachtlich! Ich persönlich bin seit 2 Jahren auf analog umgestiegen und fotografiere inzwischen ohne Batterie
Ich kann Dir also nur beipflichten: so wenig Technik wie möglich zwischen dem eigenen Auge und dem Motiv! Das irritiert zunächst ein wenig, führt dann aber schnell zu den wesentlichen Aspekten des Photografierens…
Bestes
SPu
PS: schön Dich gestern kennen gelernt zu haben
Am 23. Januar 2009 um 11:53 Uhr
Danke Sebastian. Hat mich auch gefreut!
Am 25. Januar 2009 um 15:33 Uhr
Jodele. Ich kann das mit den Lehrbüchern nur bestätigen. Die meisten Situationen, in denen man zu Beginn wirklich Hilfe braucht, das sind welche, die in den Büchern nicht drinstehen (können). Schließlich wäre es für komplexe Situationen zu aufwendig sie alle zu besprechen.
Ganz weglassen sollte man sie nicht. Ich empfehle die Lektüre Feiningers. Was der vom Stapel gelassen hat, das ist echt unglaublich. Und sonst? Bildbände, Ausstellungen, Workshops, eigene Bilder kritisch betrachten. Und am besten ist man mit mindestens 90 Prozent seiner Bilder unzufrieden.
Wer 100 Prozent aus sich herausholen will, muss entweder supertalentiert sein, wie Selfmadewoman Annie Leibovitz, oder aber eine Ausbildung machen. Nicht bei irgendwem, sondern bei Lehrmeistern, die wirklich was drauf haben. Also vorher auch deren Portfolio angucken.
Schade eigentlich, dass ich für ‘ne Ausbildung angesichts der Jobaussichten nicht die Demut habe.
Am 28. Januar 2009 um 10:50 Uhr
Hallo Kai,
mich würde es brennend interessieren welche 20% der Bücher über Fotografie KEINE Zeitverschwendung sind! =)
Grüße,
Jana
Am 28. Januar 2009 um 11:26 Uhr
Portfolios & Bildbände von Fotografen die dich begeistern. Denn hier liegt der entscheidende Vorteil gegenüber HowToDo-Büchern. In letzteren wird es explizit erklärt wie du zu welchem Ergebnis kommst. In den Bildbänden hast du die Ergebnisse, zu denen du auch selber kommen möchtest. Was machst du also. Du betrachtest das Bild und versucht den Stil zu kopieren. Das geschieht in der wundervollen Art des “Ausprobierens” (vs. studieren). Und beim Ausprobieren wirst du sicherlich das ein oder andere Bild hinbekommen, wie es deine Vorbilder auch gemacht haben… Aber eher noch wirst du einen eigenen Stil entwickeln. Einen eigenen Touch. Und das machen deine Fotos/Bilder dann im Endeffekt aus.
Wenn du viel nachbearbeiten willst sind sicherlich auch Photoshop-Workshops sinnvoll… Aber hier kommt es drauf an, was fotografierst du… Porträts, Landschaften, Objekte, Surrealistisch…
Grüße
Julian
Am 28. Januar 2009 um 13:13 Uhr
An Jana: Andreas Feiningers “Die hohe Schule der Fotografie” ist grundsätzlich alles, was du über die Technik hinter der Fotografie wissen muss.
Für alles andere, Ästhetikgefühl, etc. schau dir aufmerksam Bilder großer Fotografen an. Und sich dann immer folgende zwei Fragen stellen:
1. Was ist das besondere an dem Bild?
2. Wie wird dieses Besondere ermöglicht?
Ansonsten gelten natürlich alle Regeln wie auch bei der Malerei.
Am 28. Januar 2009 um 14:07 Uhr
Super! Das ist mal eine tolle, vor allem konkrete Antwort!
Am 3. Februar 2009 um 16:04 Uhr
Als alter Naturlichtpurist (nur Aufnahmen mit dem vorhanden Licht machen), der aber seit neusten auf den Geschmack von externen Blitzen gekommen ist, find ich die Ausleuchtung der Motive ziemlich wichtig, gerade bei Innenaufnahmen. Selbt mit den Kamerablitzen kann man mit ein paar Reflektionstricks ganz gute Ergebnisse beziehen.
Also meine Listenergänzung: Wenn die Lichtbedingungen fotografisch ungünstig sind, mach sie besser!
Eine gute Webseite mit viel Lernpotential: http://www.strobist.blogspot.com/
Am 15. Februar 2009 um 19:07 Uhr
Habe gerade mit großem interesse deinen blog durchgeschaut!
gefällt mir sehr gut hier!
zu dem artikel fällt mir folgendes chinesisches sprichwort ein:
Kopiere deinen Meister und du wirst selbst zum Meister!
zudem
Konfuzius sagt: “Kopiere deinen Meister und verbessere ihn.”
Habe auch schon einige bücher gelesen und dadurch mein technisches können definitiv verbessert.
Das wirkt sich natürlich auch auf meine fotos aus.
Aber es hat auf jedenfall die art und weise wie man fotos betrachtet, verarbeitet und sieht verändert.
Ich lerne aus jeder guten fotografie die ich sehe.
gruß aus köln
rené
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