Gestern hatte ich Besuch von meinem “kleinen” Cousin. U.a. war ich eine Stunde lang mit ihm auf dem Friedhof unterwegs. Klingt komisch, aber der Melatenfriedhof hier in Köln Ehrenfeld ist eine Augenweide. Es ist ein alter Friedhof, mit vielen Grünflächen, alten Bäumen und imposanten Gräbern. Außerdem leben dort hunderte von Papageien… Die Kamera hatte ich selbstverständlich mit, und nebenbei habe ich ein paar Fotos geschossen. Als ich die Fotos eben in Lightroom fix bearbeitet habe, ist mir der Gedanke gekommen, einfach mal aufzuschreiben, welche Faktoren dazu beitragen, dass ich die Kamera zücke. Wie immer gilt: das sind keine Regeln, sondern nur meine Art, wie ich an die Motivsuche herangehe.
Licht
Mit dem Licht steht und fällt eine Aufnahme. Am liebsten mag ich es, wenn das Sonnenlicht durch “Lücken” bricht. Das könnte beispielsweise eine Lücke zwischen zwei Bäumen oder Häusern sein, wodurch der Boden nur an dieser Stelle beleuchtet wird. Durch dieses Licht besteht die Möglichkeit, den Fokus des Betrachters auf eine Stelle zu lenken.
Beispielfoto: Ich habe diesen Wagen entdeckt, als er an einer Ampel stand von wo aus er auf die Straße biegen würde. Ich wollte ihn fahrend erwischen. Außerdem war es dort wo er stand dunkel, da ein Haus Schatten warf. Also bin in 50 Meter vorwärts gerannt, wo eine kleine Seitenstraße für die nötige Lücke sorgte, durch die die Sonne schien. Er kam, ich habe mitgezogen und abgedrückt. Glück gehabt.
Schatten
Ohne Licht kein Schatten, und ohne Schatten keine Tiefe. Einfache Regel, gute Bildwirkung. Außerdem können Schatten ideal dazu genutzt werden, das Auge des Betrachters zu lenken.
Beispielfoto oben: Ich war am Rheinufer spazieren. Ehrlich gesagt, war es dort ziemlich langweilig… bis ich zu dieser Unterführung kam. Eine spannende Möglichkeit, den Dom anders als gewohnt zu fotografieren. Bis heute ärgere ich mich allerdings, dass ich mit der Kamera nicht noch weiter nach unten gegangen bin. Dann wären die Spitzen ganz zu sehen. Der Rahmen, den die Unterführung bildet, sorgt für die nötige Führung des Auges
Fahrradschatten: Dieses Foto entstand in Helsinki. Die Abendsonne sorgte für ein hübsches Abbild eines Fahrrads an der Mauer.
Zweites Beispielfoto: Diese Einfahrt bot mir nicht nur Schutz vor dem Regen, sondern auch einen schönen Rahmen (im wörtlichen Sinne), in dem ich eine ganze Serie schiessen durfte.
Kontraste und Gegensätze
Kontraste können sowohl farblich als auch inhaltlich aufgegriffen werden - manchmal sogar in Kombination.
Foto oben: Ein hell gekleidetes Kind, das gegen eine Gruppe dunkel gekleideter Matrosen marschiert. Alt und Jung, Groß & Klein, Schwarz & Weiss. Eigentlich perfekt. Leider etwas spät bemerkt, und zu wenig Platz am Rand gelassen.
Foto Regenbogen: Dieses Foto entstand beim Melt! Festival im Sommer letzten Jahres. Nachdem es wieder einmal geschüttet hatte, kam die Sonne heraus. Alle wollten, dass ich den Regenbogen fotografiere. Ein bisschen langweilig, so ein Regenbogen, oder? Im Kontrast nasse Straße, grauer Himmel, Regenbogen und Sommerklamotten ist doch noch ein Motiv entstanden, das rückblickend bezeichnend für das gesamte Festival war.
Die sehr knallige Schutzjacke im Fenster eines Bauwagens. Toller farblicher Kontrast, und definitiv ein Foto wert.
Strukturen und Oberflächen
Auch eine glatte, weiße Struktur kann toll sein, aber eine rauhe Oberfläche, mit Rissen, Kanten, und unterschiedlichen Schattierungen zeugt von einem dynamischen Prozess, der eine Geschichte erzählen kann.
Auch Wasser hat eine Oberfläche. Den Spiegeleffekt kann man nutzen, um Objekte ungewohnt abzulichten.
Situationen
Im Prinzip das, was ich hier schon in Die Schönheit der Chance beschrieben habe. Situationen, die nur von kurzer Dauer und davon bestimmt sind, dass sie in der Konstellation so wahrscheinlich nie wieder zu sehen sein werden.
Typografie / Schilder
Klar, Schilder können für sich schon großartig aussehen, manchmal kann man durch ein Abbild aber noch mehr Interpretationsraum schaffen.
Tiere
Die Beziehung zwischen Tier und Mensch treibt seltsame Früchte. Interessant finde ich, wenn Tiere (wie auf diesem Foto) in Positionen erscheinen, die nur allzu menschlich daher kommt.
Perspektive
Die Perspektive kommt immer dann ins Spiel, wenn man sich bereits für ein Motiv entschieden hat. Man stellt schnell fest, dass selbst die geringste Veränderung der Position, aus der das Foto geschossen wird, einen riesigen Einfluss auf die Bildwirkung haben kann. Sie entscheidet darüber, ob ein Foto spannend, langweilig, dynamisch oder steif wirkt.
Das Mahnmal Stelenfeld in Berlin wurde schon hundertausendfach abgelichtet. Ich habe mich dazu entschieden, die Kamera so weit wie möglich am Boden auszurichten, und mit ihr nach oben zu fotografieren. Die Betonblöcke bekommen dadurch eine ganz andere Dramatik, als aus der Perspektive von oben.

Auch hier war meine Kamera am Boden positioniert. Die eigentlich sehr kleinen Seile wirken dadurch befremdlich groß, gerade im Gegensatz zu den Bäumen am Horizont
Kontinuität
Ich habe die Angewohnheit, vorbeifahrendee Radfahrer zu fotografieren. Meist aus der Hüfte, und mit Dauerfeuer. Selten funktioniert es, dass dabei eine durchgehende Serie entsteht, aber mit dieser bin ich sehr zufrieden. Kann man natürlich mit allem umsetzen das sich bewegt. Oder bei dem man sich selbst bewegt.
Zufall
Ok, das waren jetzt alle Faktoren, die mir eingefallen sind. Der wichtigste Faktor ist allerdings der Zufall. Ich fotografiere oft im vorbeigehen. Dabei halte ich die Kamera auf Hüfthöhe. Der Zufall entscheidet, ob ich treffe, und was dabei herauskommt.
Nun bin ich sehr gespannt, wie ihr die Sache angeht. Ähnlich oder ganz anders?
Tags: Fotografie, motive, motivsuche


















17 Kommentare
Am 16. Januar 2009 um 19:09 Uhr
Eine wirklich supergute Zusammenfassung. In vielen Gründen/Faktoren habe ich meine eigene Fotolaune wiedergefunden.
Am 16. Januar 2009 um 19:12 Uhr
Danke für die vielen Tipps und ich finde das zweite Beispiel zu “Perspektive” sehr gelungen.
Achtung: Bruegge-16 ist nicht da.
Am 16. Januar 2009 um 19:42 Uhr
Interessanterweise geh ich ähnlich vor, aber vorher hab ich mir darüber nie wirklich Gedanken gemacht…^^ Für mich als Anfänger eine schöne Zusammenfassung vielleicht auf bestimmte Aspekte in Zukunft genauer zu achten. Danke!
Achja, könntest du vielleicht ein paar Exif-Infos zu deinen Bildern posten? Gerade deine Brennweite und Blende würde mich sehr interessieren!
Schönes Wochenende!
Am 17. Januar 2009 um 11:14 Uhr
Tolle Zusammenfassung mit wirklich inspirierenden Bildern! Die Radfahrerbilder gefallen mir besonders und auch der Blickwinkel auf das Mahnmal Stelenfeld ist toll gewählt.
Ich mag es, durch Fotografie interessante und ungewöhnliche Ausschnitte aus dem alltäglichen Gesamtbild herauszugreifen. Details sind oft spannender als das Ganze.
Am 17. Januar 2009 um 14:33 Uhr
Genial.
Am 17. Januar 2009 um 15:50 Uhr
Super Tipps und Anregungen, finde ich. Du zeigst worauf es wirklich ankommt, auf die Motive, die Perspektive und die Sichtweise bzw. Interpretation des Gesehenen. Technikkram ist echt zweitrangig.
Die Serie mit dem Radfahrer hat richtig Klasse!
Am 18. Januar 2009 um 12:47 Uhr
Ich fotografiere auch immer spontan aus der Hüfte. hält die Kamera am ruhigsten und das Motiv hat nicht das Gefühl das es das Motiv ist und bleibt so natürlich
Schöne Tipps!
Und ich würde sogar noch ergänzend in riesig fett dazuschreiben
NEHMT DIE KAMERA AUS DER TASCHE IN DIE HAND
Am 18. Januar 2009 um 19:52 Uhr
Sehr gut geschrieben, ich muss auch mal wieder raus auf die “Jagd” gehen.
Am 19. Januar 2009 um 21:11 Uhr
Bin erst am Anfang der Fotografie, hab eine D300 von meinem Bruder bekommen. Deine Tipps sind sehr schön und auch einleuchtend, ich werde sie mir zu Herzen nehmen.
Am 22. Januar 2009 um 10:21 Uhr
Ich befinde mich auch erst in den fotografischen Kinderschuhen. Daher würden mich Details zu Deinen Fotos wirklich auch sehr interessieren. Vielleicht auch ein paar Tipps mit welchen Filern o.ä. Du sie bearbeitet hast.
Apropos Bearbeiten: Könntest Du vielleicht irgendwann mal Lightroom kurz vorstellen? Was macht es aus? Was sind die Mehrwerte gegenüber Photoshop? Lohnt sich die Anschaffung?
Tausend Dank und weiter so. Ich freu mich jeden Morgen zu gucken, ob Du was Neues geschrieben/entdeckt/fotografiert hast..
Am 22. Januar 2009 um 11:55 Uhr
Das ist wirklich eine schöne Zusammenfassung. Aber mal etwas ganz anderes: Wie hältst du, vielleicht auch ihr anderen, das eigentlich so mit den Bild- und Personenrechten? Ich bin da immer reichlich am zweifeln, sobald ich Motive einfange, wie ein paar von denen da oben - etwa mit dem kleinen Jungen…
Am 30. Januar 2009 um 17:07 Uhr
Sehr schöne Zusammenstellung. Das motiviert mich direkt mal wieder etwas Neues zu fotografieren. Es passiert doch zu schnell, dass man sich an bestimmte Motivarten klammert.
Am 12. Februar 2009 um 06:36 Uhr
So viele schöne Fotos hätte ich NIE an einen einzigen Artikel “verschwendet”. Herrlich. Ein guter Einblick in Dein fotografisches Sehen und Können! Hut ab, Herr Spion!
Am 25. Februar 2009 um 01:08 Uhr
Also erst mal super Blog und super Bilder vor allem das “Frische, Mettbrötchen” Bild. Ichbleibe mal hier dran. Weiter so.
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